Afghanistan im Eschborn K

Am 25. und 26. September fand im Eschborn K zum sechsten Mal ein interkulturelles Programm statt, in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt Afghanistan. Was ist das für ein Land, aus dem wir seit 40 Jahren Nachrichten über Krieg und Gewalt hören? Was können wir über seine Kultur erfahren, damit wir besser verstehen, warum Menschen von dort flüchten? Das wollten wir wissen.

An dem  Film „Wolf and Sheep“ der jungen Regisseurin Sharbanoo Sadat war das Interesse auch von afghanischen Mitbürgern groß. Für die Übersetzung der ausführlichen Einführung zum Film konnte Zahra Fahimi gewonnen werden.

Der Film zeigt das karge Leben der Hazara im Bergland Zentralafghanistans: Die Schafe hütenden Kinder, die Geschichten der Alten die von Wölfen und Feen erzählen, die Rollenspiele der Mädchen, die schon wissen, wie sie irgendwann verheiratet werden und endet mit der plötzlichen Flucht der Dorfbewohner. Offen bleibt, warum die Menschen so unvermittelt ihr Hab und Gut zusammenpacken. Ist es die Angst vor den Wölfen und den Geistern oder vor den Taliban, die die Ethnie der Hazara wegen ihres schiitischen Glaubens  besonders hart verfolgen?

In dem Film spielen die Geschichten, die den Menschen und besonders den Kindern die Mysterien des Lebens erklären, eine zentrale Rolle.

Ebenso erzählt auch der Autor Dirk Reinhardt*, der am Samstag mit seinem Roman „Über die Berge und das Meer“ im K war, traditionelle Märchen und Geschichten. Sie begleiten die Jugendlichen Soraya und Tarek auf ihrem beschwerlichen Fluchtweg von Afghanistan nach Deutschland, sind das Band ihrer Freundschaft und geben ihnen Kraft durchzuhalten. Dirk Reinhardt  lieferte viele wichtige Hintergrundinformationen, die seinen Recherchen zu dem Buch vorausgegangen sind. Fotos und Karten  zeigten die ländliche Welt, in der Soraya und der Nomadenjunge vom Stamm der Kuchi in die Fremde aufgebrochen sind. Am  Schluss stand dann auch die aktuelle Frage, wie das Land am Ende der sogenannten Friedensgespräche mit den Taliban aussehen wird.

An beiden Abenden gab es lebhafte Gespräche mit dem Publikum und es wurden Zweifel geäußert, ob das rückständige Bild über die Lebensweise der ländlichen Bevölkerung nicht etwa unserem westlichen (überheblichen) Blick geschuldet sei.

Mit der Figur Sorayas, die bis zu ihrem 14. Lebensjahr ganz offiziell als Junge aufwuchs, die Schule besuchen, Sport treiben, mit den Jungen durch das Dorf und seine Umgebung streifen und Drachen steigen lassen durfte, kam die Rolle von Frauen und Mädchen zur Sprache. Es gibt tatsächlich eine Möglichkeit die Würde der Frau, die nur Mädchen zur Welt brachte und deshalb diskriminiert wird, zu retten, indem eines ihrer Töchter als Sohn erzogen wird. Soraya alias Samir wird das allerdings zum Verhängnis, als sie verraten wird und die Taliban die Familie bedrohen.

Zu dieser für uns erstaunlichen Information gibt es eine ausführliche Recherche und Reportage über eine afghanische Politikerin in dem Buch „Afghanistans verborgene Töchter“  (2015) von der amerikanischen Journalistin Jenny Nordberg.

Elke Dörner, 1. Oktober 2020

*(Die Lesung wurde vom AK Flüchtlinge Eschborn gesponsert.)